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Du hast das Physikum hinter dir und willst raus: andere Gesundheitssysteme sehen, klinische Erfahrung im Ausland sammeln, vielleicht eine Sprache verbessern. Die Auslandsfamulatur ist dafür neben dem Erasmus einer der unkompliziertesten Wege im gesamten Medizinstudium. Aber wie du sie organisierst, macht einen echten Unterschied.
In diesem Artikel zeige ich dir, warum du bei kommerziellen Vermittlungsagenturen lieber zweimal überlegen solltest und wie du stattdessen über den bvmd-Austausch (die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland) eine Famulatur bekommst, die fachlich, finanziell und ethisch auf soliden Beinen steht.
Falls du dich generell für Auslandspraktika interessierst (auch Pflegepraktikum und PJ), findest du auf medirechner einen umfassenden Guide zu allen Auslandspraktika im Medizinstudium. Dieser Artikel hier konzentriert sich bewusst nur auf die Famulatur und stellt dir den bvmd-Austausch als Alternative vor.
Wenn du online nach einer Auslandsfamulatur suchst, findest du schnell professionelle Webseiten, die Famulaturen in exotischen Ländern anbieten. Rundum-Sorglos-Pakete mit Unterkunft, organisierten Ausflügen und klinischem Praktikum. Die Gebühren für vier Wochen liegen schnell bei mehreren tausend Euro, und das vor Flug und Versicherung.
Was dabei untergeht: Diese Anbieter sind profitorientierte Unternehmen. Wie viel vom Geld bei der Klinik vor Ort ankommt, bleibt intransparent. Es gibt keine standardisierte Eignungsprüfung, keine strukturierte klinische Einbindung. Häufig wohnst du trotz der hohen Gebühren in günstigen Mehrbett-Apartments mit anderen deutschen Studierenden, ohne echten Kontakt zur lokalen Bevölkerung. Du zahlst viel für eine Erfahrung, deren fachlicher und kultureller Mehrwert fraglich ist.
Die Struktur erinnert an das, was entwicklungspolitisch als Voluntourismus kritisiert wird: kurze Einsätze im Globalen Süden, die vor allem den Reisenden nützen. Organisationen wie Brot für die Welt warnen seit Jahren davor. Studierende ohne abgeschlossene Ausbildung übernehmen teils Tätigkeiten, die sie zu Hause nie ausführen dürften. Lokale Arbeitsmärkte werden belastet, wenn westliche Studierende für Praktikumsplätze bezahlen, die sonst lokalen Fachkräften offenstünden. Und bei ehrlicher Betrachtung profitierst vor allem du: exotische Erfahrung, Lebenslauf-Eintrag, schöne Fotos. Die Klinik bekommt jemanden oder sogar ein ganzes dutzend Studierende ohne Sprachkenntnisse, kulturelles Verständnis und nach vier Wochen sind alle wieder weg.
Nepal, ein beliebtestes Zielland, ist ein gutes Beispiel für problematische wirtschaftliche Abhängigkeiten: Rund 26 Prozent des BIP stammen aus Rücküberweisungen von Arbeitsmigranten im Ausland. In manchen Dörfern haben 90 Prozent der jungen Männer das Land verlassen, Felder liegen brach. Der Tourismus als zweitwichtigster Wirtschaftsfaktor verstärkt das Problem: Westliches Geld schafft Nachfrage in bestimmten Sektoren, treibt Preise und Lebenshaltungskosten in die Höhe, während produktive Bereiche wie Landwirtschaft oder lokale Industrie stagnieren. Das Land wird importabhängig, und die junge Generation sieht ihre Zukunft eher im Ausland als in der eigenen Wirtschaft. Ein Kreislauf, der sich selbst verstärkt. Wenn kommerzielle Anbieter Medizinstudierende für teures Geld dorthin vermitteln, fügt sich das in genau dieses Muster ein.
Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden (bvmd) organisiert über die IFMSA einen Famulaturaustausch, der auf einem fundamental anderen Prinzip beruht: bilateraler Austausch. Für jeden Studierenden, den Deutschland ins Ausland schickt, nimmt Deutschland im Gegenzug auch einen Studierenden aus dem Partnerland auf. Das Programm heißt SCOPE und wird vollständig von Ehrenamtlichen organisiert. Es ist kein Reisebüro, sondern ein DAAD-gefördertes Bildungsprogramm.
Dieser Unterschied verändert die gesamte Dynamik. Statt einer Einbahnstraße entsteht echter Austausch: Nepalesische, brasilianische, ägyptische Studierende kommen nach Deutschland, deutsche Studierende gehen dorthin. Beide Seiten profitieren, beide Seiten investieren.
Was du bekommst: Die Gastorganisation stellt ein vierwöchiges Praktikum, eine Unterkunft (WG-Zimmer, Wohnheim oder Gastfamilie), eine Mahlzeit pro Arbeitstag, ein Begleitprogramm und eine Kontaktperson. Diese Leistungen sind bei bilateralen Verträgen kostenfrei.
Was du zahlst: 150 Euro Bewerbungsgebühr an die bvmd (davon 50 Euro Kaution), Reisekosten, Visum und Versicherung. Für die Reisekosten gibt es einen Fahrtkostenzuschuss.
Zum Vergleich: Bei kommerziellen Anbietern zahlst du leicht das Zehn- bis Fünfzehnfache und bekommst dafür vor allem Marketing, Urlaubfotos und organisierte Ausflüge. Den klinischen Anteil bekommst du beim bvmd-Programm höchstwahrscheinlich besser, da er von lokalen Studierendenorganisationen vermittelt wird, die ihr eigenes Gesundheitssystem kennen & dir auch bei der Integration in dieses, bei der Sprache und bei Fragen zu Kultur und Land helfen können.
Für den Famulaturaustausch bietet die bvmd aktuell Plätze in über 50 Ländern an. Allein für das Sommersemester 2026 stehen unter anderem Plätze in Brasilien (18 Plätze), Italien, Taiwan, Japan, Peru, Mexiko, Frankreich, Türkei, Chile, Kolumbien und Indonesien zur Verfügung. Auch Nepal ist mit zwei Plätzen vertreten, aber eben über das bilaterale IFMSA-Programm.
Die Bandbreite reicht von europäischen Ländern wie Finnland, Tschechien und Portugal bis zu Zielen in Lateinamerika, Asien und Afrika. Für einige Länder sind Sprachkenntnisse erforderlich (etwa Spanisch für Argentinien oder Peru), für die meisten reicht ein B2-Englischzertifikat.
Ich habe mir im Studium in Hamburg selbst eine Famulatur in Spanien organisiert und weiß, wie bereichernd ein Auslandsaufenthalt sein kann. Das bvmd-Programm kannte ich damals leider noch nicht, deshalb jetzt dieser Artikel für euch. Es braucht keinen kommerziellen Anbieter. Was es braucht, ist etwas Eigeninitiative und die Bereitschaft, sich auf ein Programm einzulassen, das auf Gegenseitigkeit statt auf Konsum basiert.
Die Bewerbung läuft in zwei Stufen. Zuerst bewirbst du dich bei der bvmd mit drei Wunschländern. Die Vergabe erfolgt über ein Punktesystem, das ehrenamtliches Engagement, Sprachkenntnisse und die Bereitstellung von Unterkünften für ausländische Studierende berücksichtigt.
Nach der Nominierung bewirbst du dich beim Gastland über die IFMSA-Datenbank. Dort gibst du Stadt- und Fachrichtungswünsche an, die aber nicht garantiert werden. Das erfordert Flexibilität, und genau darauf weist die bvmd hin: Das Programm ist kein Reisebüro. Aber oft sind es die unerwarteten Einsatzorte, die die stärksten Eindrücke hinterlassen.
Bewerbungsfristen: Für das Sommersemester (April bis Oktober) im September des Vorjahres, für das Wintersemester (November bis März) im März.
Voraussetzungen: Einschreibung an einer deutschen Hochschule für Humanmedizin, mindestens viertes Fachsemester abgeschlossen, eine bereits absolvierte Famulatur in Deutschland, Englisch-Zertifikat B2 (nicht älter als drei Jahre).
Die Bewerbungsunterlagen müssen von deiner lokalen bvmd-Austauschvertretung gestempelt werden. Alle Details findest du auf der bvmd-Austauschseite.
Bevor du dich bewirbst, stell dir ehrlich ein paar Fragen: Kannst du damit umgehen, in einem Land zu landen, das nicht dein erster Wunsch war? In einer Fachrichtung, die du dir nicht ausgesucht hast? In einer kleinen Stadt statt in der Hauptstadt?
Wenn ja, ist der bvmd-Austausch genau richtig. Wenn du ein spezifisches Land und eine exakte Fachrichtung willst, kann es sinnvoller sein, dich direkt bei einer Klinik zu bewerben oder die Partneruniversitäten deiner Fakultät zu nutzen.
Außerdem: Ein Rücktritt nach der Nominierung verursacht erhebliche Arbeit für die Ehrenamtlichen. Bewirb dich nur, wenn du den Austausch in allen drei angegebenen Ländern wirklich antreten würdest.
Eine Auslandsfamulatur ist eine der besten Erfahrungen im Medizinstudium. Aber wie du sie organisierst, ist keine Nebensache. Kommerzielle Anbieter verdienen an deiner Sehnsucht nach Abenteuer und reproduzieren Strukturen, die zu Recht als Voluntourismus kritisiert werden.
Der bvmd-Famulaturaustausch bietet eine Alternative, die auf Gegenseitigkeit, Ehrenamt und Bildung basiert. Er ist günstiger, fachlich besser eingebettet und ethisch reflektierter. Er erfordert Flexibilität und Eigeninitiative, aber genau das macht ihn wertvoll.
Informiere dich auf der bvmd-Austauschseite, lies die Länderliste und die Erfahrungsberichte. Und für einen breiteren Überblick lies unseren Guide zu Auslandspraktika im Medizinstudium.
Mach deine Auslandsfamulatur zu einer Erfahrung, auf die du nicht nur wegen der Fotos, sondern auch wegen der fachlichen und menschlichen Begegnungen zurückblickst.